Thesen über den demografischen Diskurs

Mai 2014

1. Der demografische Diskurs in
Deutschland hat die ländlichen und
peripheren Regionen mit Schlagworten
wie „sterbende Dörfer“ oder Forderungen
wie „Landschaften aufgeben“ in den
letzten Jahren dabei behindert, sich
angemessen über ihre Regional-
entwicklung zu verständigen.

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2. Die Versorgung mit Infrastruktur,
Bildung, medizinischer Betreuung,
Mobilität und Gütern stellt je verschiedene
Anforderungen an öffentliche und private
Akteure und Körperschaften.
Statt diesen fachlich nachzugehen,
wurden sie im demografischen Diskurs als allgemeines Kostenproblem generalisiert.

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3. Die Differenzen und Binnendifferenzen
der betroffenen Räume sind hoch.
Dörfer, Splittersiedlungen, Kleinstädte und
große Städte mit ebenfalls starkem Bevölkerungsverlust machen je spezifische Prozesse durch. Während einige Regionen bereits stabilisierende Transformationen bewältigt haben, stehen diese anderswo noch bevor.
Diese Unterschiede lassen sich in den Bevölkerungsstatistiken nicht abbilden.
Sie bilden aber die entscheidende Lernmenge der Gesellschaft im Umgang mit ihren dünner besiedelten Räumen.

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4. Die häufig geforderte „Aufgabe“
ländlicher Räume kommt letztlich
einer Eigentumskonzentration
des Bodens gleich.

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5. Mit der Eigentumskonzentration
des Bodens steigt die Pfadabhängigkeit
der Landschaftsräume. Sie stehen nicht mehr vielfältigen Aneignungen durch verschiedene Nutzer offen, sondern dienen der Realisierung einzelner Zwecke.

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6. Landschaften sind das ländliche
Pendant der städtischen Plätze und
Straßen: öffentliche Räume. Mit ihrer
Preisgabe nimmt die Demokratie
Schaden und die lokalen und
regionalen Zivilgesellschaften,
deren Berufs- und Arbeitsbiografien
häufig von Selbstverantwortung,
Flexibilität und Ausdauer geprägt sind,
werden geschwächt.

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7. Durch die Auflösung der direkten Wertschöpfungsbeziehungen von Stadt
und Land nehmen die Stadtkulturen ihre Abhängigkeit von der modernen Landwirtschaft nur noch unzureichend wahr und blenden die in jeder Aneignung von Natur auftretenden Widersprüche zunehmend aus.
Diese systemische Blindheit lässt sich nur überwinden, indem direkte Wertschöpfungsbeziehungen gestärkt werden.

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8. Nachhaltigkeit ist kein erreichbarer Zustand, sondern ein kollektiver und unabschließbarer Lernprozess bei der Bewirtschaftung von Ressourcen. Ohne Zivilgesellschaften und die in ihnen stattfindenden Auseinandersetzungen findet dieser Lernprozess nicht statt.

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9. Die statistische Betrachtung ländlicher Bevölkerung erlaubt keine Rückschlüsse auf die zivilgesellschaftliche Qualität in diesen Räumen, weder auf das Potenzial der Gemeinwesen noch auf den Horizont biografischer Erfahrungen.

Dies betrifft z.B.

  • die Unterschätzung älterer Menschen und ihrer Möglichkeiten,
    sich im Gemeinwesen zu engagieren,
  • das Beharrungsvermögen von Menschen und ihre Fähigkeit,
    sich auch in Krisenzeiten an Räume zu binden,
  • die Anziehungskraft ländlicher Räume für den Aufbau neuer
    Arbeits- und Lebensmodelle sowie
  • das Vermögen ländlicher Gesellschaften, über soziale Schichtungen und Milieus hinweg gemeinschaftlich zu handeln.
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10. Kultur kann einen entscheidenden Beitrag zur Regionalentwicklung leisten. Voraussetzung ist allerdings ein entsprechendes instrumentelles Verständnis von Kulturpolitik.
Sie sollte nicht vorschnell auf Repräsentation, Versorgung von Unterhaltungsbedürfnissen oder Arbeitsplätze in der Kreativwirtschaft zielen, sondern zuerst die Selbstgestaltungsprozesse in den Zivilgesellschaften fördern.

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11. Nicht durch Markt und Konkurrenz erschließt sich der Sinn von Arbeit, sondern durch Ressourcen und Kooperation. Das in diesem Spannungsfeld entstehende Erfahrungswissen ist der entscheidende Beitrag der ländlichen Räume für unsere gesellschaftliche Kultur. Um es zu bergen, brauchen wir keinen demografischen Diskurs, sondern viele Stadt-Land-Diskurse in den Landschaften selbst.

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