Kulturlandschaft geltend machen

Thesen zur Landschaftskommunikation - 2019

 

1. Die gesellschaftlichen Kommunikationen sind heute aufgrund der stetig nachlassenden Ressourcenbindungen in den Arbeits- und Alltagswelten und infolge der globalisierten Medien kaum noch oder nur temporär an den eigenen Raum gebunden. Es entsteht also eine Kluft zwischen den Diskursen und der persönlichen Raumerfahrung.

2. Durch diese Kluft erleben immer mehr Menschen ihre Welt im Modus anhaltender Verunsicherung und Einflusslosigkeit. Für die Demokratien ist es folglich existenziell, raumbezogene Diskurse zu entwickeln und mit ihnen kommunikative Wechselwirkungen zwischen dem eigenen Leben und den globalen Ereignissen zu stiften.

3. Ein wesentlicher Grund für die derzeit als populistisch bezeichneten Bewegungen in unserer Demokratie liegt darin, dass die meisten Menschen von der gesellschaftlichen Wissensproduktion ausgeschlossen sind. Dies gilt auch und gerade für die Landschaft. Man möchte den Menschen wieder Heimat – und damit etwas für das Gefühl – geben. Aber man gesteht ihnen nicht zu, an der sozialen Organisation des Wissens teilzuhaben, die dafür nötig ist.

4. Trotz der ständig nachlassenden Beschäftigung in der primären Landnutzung haben viele Menschen durch ihre persönlichen Aneignungsbeziehungen qualifizierte Sichtweisen auf ihre Landschaft. Diese werden aber durch das Fehlen geeigneter diskursiver Rahmungen nicht als Beiträge für deren Gestaltung aufeinander bezogen. Somit bleiben sie für die Gesellschaft ohne Folgen.

5. Die Landschaftsentwicklung in der Gesellschaft muss hinsichtlich vieler Parameter (biologische Vielfalt, Licht- und Lärmemissionen, Bodenversiegelung, Zerschneidung, Beeinträchtigung von Ökosystemfunktionen, öffentlicher Charakter, Raumsensibilität, Baukultur) als Verlustrechnung beschrieben werden. Ohne wirkmächtige kulturlandschaftlichen Diskurse wird sich daran nichts ändern. Einzelne Auseinandersetzungen – etwa über Windeignungsgebiete – nehmen ohne diskursive Rahmung stattdessen einen destruktiven Charakter an.

6. Um einen kulturlandschaftlichen Diskurs zu stiften, müssen kontinuierlich Beiträge produziert, gesammelt und im Sinne einer regionalen Selbstbeschreibung aufeinander bezogen werden. Dadurch leistet die Landschaftskommunikation einen Beitrag zur Stärkung der Systemqualität von Kulturlandschaften und fördert die handlungsräumliche Orientierung der Menschen.

7. Eine gelingende Selbstbeschreibung führt nicht zu einer bornierten Weltsicht, sondern schafft Neugier und Aufgeschlossenheit gegenüber der Welt und fördert das gesellschaftliche Urteilsvermögen.

8. Die einzelnen Beiträge im kulturlandschaftlichen Diskurs sollten in sprachlicher, bildlicher oder performativer Hinsicht eine hohe ästhetische und gestalterische Qualität haben. Dadurch weist die Selbstbeschreibung über das, was ist, hinaus und setzt utopisches Potenzial, Sehsüchte und Gestaltungsideen frei.

9. Um Kulturlandschaft – als absichtsvoll gestaltete Landschaft - geltend zu machen, müssen die Regionen ihre Selbstbeschreibung verstetigen und institutionalisieren. Mit temporären Projekten und vorübergehenden wissenschaftlichen Forschungen ist es dagegen nicht einmal möglich, das in den Kulturlandschaften gegebene kollektive Raumbewusstsein adäquat zu erfassen.

10. Über die Landschaft ist unser Verhältnis zur Natur sowie unser soziales Verhältnis zueinander strukturiert. Soll beides gestaltet werden und soll diese Gestaltung als gelingender Prozess erfahrbar werden, sprechen wir von Kulturlandschaft. Kulturlandschaften sind die primäre Gestaltungsaufgabe des Menschen.