Wissen als Form kollektiver Geistesgegenwart

Thesen zur Beziehung von Politik, Wissenschaft und Medien

 

Die Gesellschaft der Gegenwart reflektiert und organisiert sich überwiegend in vereinzelten Gefahrendiskursen, die vom Gestus größter Dringlichkeit geprägt sind.

Mit der postulierten Eile der Gefahrenabwehr steigt auch die Beschleunigung der Diskurse, in denen sich Medien, Politik und Wissenschaft gegenseitig durch die gegenwärtigen Formen wissenschaftlicher Politikberatung und durch die Verschränkung von medialer und politischer Kommunikation befeuern.

Abwägung, Prüfung, die Neubewertung von Erfahrung, die Suche nach Alternativen und die Kritik der im Diskurs gebrauchten Sprache brauchen Zeit. Die gegenwärtigen Diskurse stellen diese Zeit nicht zur Verfügung1.

Wird Politik von Gefahrendiskursen getrieben, verliert sie an Qualität und wird hinsichtlich der demokratischen Spielregeln der Willensbildung geschwächt.

Infolge der Umweltdebatten der achtziger Jahre hat sich in der Wissenschaftspolitik bei der Gefahrenbetrachtung ein Modell des „konsensualen Wissens“2 durchgesetzt, das einen Korridor der zu berücksichtigenden Positionen definiert. Argumente jenseits dieses legitimierten Korridors werden ausgesondert, da sie das politische Handeln zu verzögern scheinen.

Das Modell des konsensualen Wissens hindert abweichende Sichtweisen daran, ihren Beitrag zur Wissensentwicklung zu leisten, grenzt Widersprüche und Fragen aus, verspielt die Ressource des eigenständigen Denkens und stiftet einen erzieherischen Gestus in Medien, Wissenschaft und Politik.

Nicht nur die etablierte Wissenschaft, auch die tägliche Erfahrung erzeugt Wissen, das in den gegenwärtigen bildungs-, umwelt-, agrar- und gesundheitspolitischen Diskursen kaum genutzt wird.

Die gesellschaftliche Wissensorganisation hat die Aufgabe, kollektive Geistesgegenwart zu erzeugen, sodass mehr Menschen etwas zum Gelingen der Gesellschaft und zum Umgang mit Risiken beitragen können. Zur Verbesserung des Zusammenspiels von Wissenschaft, Medien und Politik in den Diskursen sollten drei einfache Grundsätze genügen:

  1. Es sollte gezielt in Diskurse investiert werden, die nicht im Gefahrenmodus organisiert werden.

  2. Es gibt viele kluge Menschen, die niemand fragt: Es sollten Formen kollektiver Wissensproduktion gefördert werden, die von der Beschreibung praktischer Erfahrung ausgehen und die kommunikative Verknüpfung vielfältiger Sichtweisen erproben.

  3. In jedem guten Streit steckt ein Einvernehmen: Statt vom Konsens sollten die wissenschaftlichen Debatten von möglichst interessanten divergierenden Argumenten aufgebaut werden.

 

1 „Die Unbekümmertheit in der Wortwahl und das mangelnde Gespür für folgenreiche Theorieentscheidungen sind eines der auffälligsten Merkmale dieser Literatur – so als ob die Sorge um die Umwelt die Sorglosigkeit der Rede darüber rechtfertigen könnte.“ Luhmann, N. (2008): Ökologische Kommunikation. Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen? 5. Aufl. Wiesbaden, S. 8.

2 Der Begriff in seiner vollen programmatischen Entfaltung findet sich in: Bechmann G, Stehr N (2004) Praktische Erkenntnis: Vom Wissen zum Handeln. In: BMBF (Hrsg.) Vom Wissen zum Handeln? Die Forschung zum Globalen Wandel und ihre Umsetzung. Bonn, Berlin, S 27–30